Es wird Zeit – die Kolumne

Alle zwei Wochen erscheint in der Zeitschrift BRIGITTE meine Kolumne. Ich frage Menschen, die es besser wissen. Auf alles, was mich interessiert bekomme ich eine kluge Antwort! Ein Glück! Über die Liebe, das Geld, die Sterne, über Erziehung, Klima, Vergänglichkeit und Haustiere. Und es gibt so viele Fragen die noch gestellt werden und so viele Antworten, die noch gefunden werden wollen!

BRIGITTE 08/2021

Jetzt habe ich genau den Körper, den ich immer vermeiden wollte

Schönheit ist  selten und trotzdem  allgegenwärtig.  Körperideale  machen Menschen  das Leben verdammt schwer – besonders  den dicken

Ich würde es niemals wagen, jemanden dick oder gar fett zu nennen. Vielleicht hinter vorgehaltener Hand, aber ich enthalte mich mittlerweile einer inneren und auch einer geäußerten Wertung über das Gewicht und die Körperformen anderer. Mit Sicherheit aber weisen mich jene Medien, die gerne und gezielt meine nie-deren Instinkte bedienen, stets auf  die Abnehm-Erfolge von Mariah Carey, Adele oder einer der Frauen hin, die mit Nachnamen alle Kardashian oder Jenner heißen. Ich kann mich dem gängigen Schönheitsideal kaum entziehen, und ich spüre, wie es in mir Schaden anrichtet, mich prägt und meine Sehgewohnheiten gefährlich einseitig beeinflusst – und das, obschon ich genau weiß, dass nur wenige Prozent der Menschen diesem Ideal entsprechen.

Melodie Michelberger ist eine dicke, unfassbar mutige Frau, die den harten Kampf gegen Fettfeindlichkeit und Gewichtsdiskriminierung angetreten ist und gegen eine Diätindustrie, die ihre Umsätze mit unserem mangelnden Selbstwertgefühl macht. „Das unrealistische Körperideal macht das Leben vieler Mädchen zur Hölle. Ich habe mich über Jahrzehnte mangelernährt, um mich in eine vermeintlich ideale Form zu schrumpfen. Mein Körper war mein Gegenspieler, ich habe gegen ihn angekämpft bis zur Magersucht. Jetzt habe ich den Körper, den ich immer vermeiden wollte – aber ich bin ihm eine bessere Freundin als in den vielen Jahren zuvor.“

In ihrem bewegenden Buch „Body Politics“ beschreibt Melodie Michelberger ihren Leidensweg und ihren Kampf gegen Bodyshaming und gegen die Selbstbeschämung. „Scham und Versagen sind die allgegenwärtigen Gefühle“, sagt die Aktivistin. „Wenn eine Frau wie ich sich in Unterwäsche fotografiert, finden das viele Menschen empörend. Sie kennen meinen Körper nur als abschreckendes Beispiel. Sie glauben mir nicht, dass ich mich gut finde, so wie ich bin.“ 

Die Anfeindungen, denen Fettaktivistinnen ausgesetzt sind, sind brutal und menschenverachtend. Und tun schrecklich weh. Melodie Michelberger ist mit einem löchrigen Schutzschild in den Kampf gegen Körpernormen, Vorurteile und Geringschätzung gezogen und sie kämpft mit den Tränen und mit Zweifeln, wenn sie von dem Hass gegen sie berichtet.

Sie fordert Empathie und Anerkennung. 

Die verletzte Frau stellt sich schützend vor verletzte Frauen.  

Und das sind wir alle. 

BRIGITTE 07/2021

Babys in mittleren Jahren

Wie wird und bleibt man erwachsen, wenn Unreife und Infantilität um  sich greifen und geradezu zum guten Ton gehören?

Man wird sein Leben lang erwachsen. Ich zumindest. Ich kenne sie gut, die immer wieder aufkeimende Sehnsucht nach kindlicher Unschuld, nach innerlichem Rückzug in jene Seelenwinkel, in denen Papa zahlt, die anderen die Verantwortung tragen und Mama mir über den Kopf streicht und behauptet, alles würde gut. Es wird nicht alles gut, natürlich nicht. Heute bezahle ich selbst, und immer  häufiger gelingt es mir, zu mir zu stehen, mich nicht zu rechtfertigen oder herauszureden und die Verantwortung zu schultern für meine Fehler, gescheiterten  
Experimente, Ängste und Irrtümer, genauso wie für meine Erfolge, mein Glück und die Höhepunkte meines Lebens. Das bin alles ich. Da kann ich auch was dafür.

Der Medienwissenschaftler und Autor des hochinteressanten Buches „Die infantile Gesellschaft“ Alexander Kissler sagt: „Wir haben eine verständliche Sehnsucht nach Komplexitätsreduktion. Viele Optionen verlangen viele Entscheidungen, und davon gibt man gerne ein paar ab. Das mag ab und zu entlastend sein, führt aber letztlich zu einer besenreinen Gesellschaft, in der zu viele Menschen versuchen, sich von Irritationen, Überraschungen und Zumutungen fernzuhalten. Unreife wird zum Leitbild und Peter Pan zum Vorbild erhoben. Ich beobachte ein intellektuelles Zurückverpuppen in trotzige Ich-Haltungen. Ich sehe Realitätsverleugnung und narzisstische Weltwahrnehmung, erinnert sei hier an Donald Trump, und ein Heer von Rumpelstilzchen und Suppenkaspern, die ihr eigenes Wohlbefinden zum Maßstab aller Dinge küren, Apfelkuchen backen, Yoga machen und glauben, damit sei das Tagesziel erreicht.“

Wie widersteht man der verständlichen Versuchung des Verharrens im Bekannten? Wie überprüft man sich selbst auf kindische Schwachstellen und findet heraus aus dem Kokon aus Trotz, Furcht, Selbstbezogenheit und Schuldverleugnung? 

„Es geht darum, im Kleinen Verantwortung zu übernehmen“, sagt Kissler. „Beziehungen mit einer abweichenden Meinung zu belasten. Schonräume zu verlassen, Tabuthemen anzusprechen, den Stabilitätsnarren in uns zu überlisten. Lesen Sie ein Buch von einem Autoren, den Sie ablehnen. Lassen Sie sich von Menschen und Orten überraschen, suchen Sie das Unbekannte. Delegieren Sie nicht unnötig und vorschnell, packen Sie zu, stehen Sie zu sich, ohne den Anspruch auf Perfektion, und machen  Sie sich nicht abhängig vom Lob anderer.  Sie wissen selbst, wie gut Sie sind.“

Das ist eine tägliche und lohnenswerte Anstrengung. Manchmal muss ich mich ganz bewusst erinnern und mir sagen: „Ich bin erwachsen. Niemandem ist es erlaubt, mich wie ein Kind zu behandeln. Auch mir selbst nicht.“ 

Denn ich will nicht für immer klein bleiben, zumindest nicht so, wie ich es einmal war. Ich will vielleicht wieder  ein Kind werden, ab und zu. Eines, das wohlbehütet an der Hand einer  Erwachsenen geht. Mama zahlt. Und die Mama bin ich.

BRIGITTE 06/2021

"Wenn der Kühlschrank lüstern flüstert"

Fasten ist total gesund und angesagt. Ildikó von Kürthy  fragt sich trotzdem, warum sie sich  das eigentlich antut

Die ersten Monate des Jahres beginnen bei mir traditionell eher kalorienarm, ich lasse einiges weg, manchmal auch alles, und mache eine mehrtägige Fastenkur. Dann wird die klare Gemüsebrühe zur besten Freundin und der Teelöffel Honig zum Highlight des Tages. Wehmütig erinnere ich mich vergangener Freuden in Gestalt von gutem Wein, Süßkartoffelpommes und warmem Schokokuchen mit flüssigem Kern, während ich mich selbst beim Entgiften anfeuere und mich innerlich an dem Satz des Benediktinerpaters Anselm Grün labe: „Verzicht ist Ausdruck innerer Freiheit. Und die gehört zu unserer Würde.“ 

Früher war meine Motivation zu fasten ganz klar: Ich will schlanker sein und besser aussehen. Heute heißt sie: Ich will leichter sein und mich besser fühlen. Ich finde, das ist ein Fortschritt und ein erfreulich erwachsener Ansatz. Hunger habe ich trotzdem. 

„Gerade wir Frauen müssen uns von dem Gedankendogma lösen, schlank sei gesund“, sagt meine Freundin, die zu Recht berühmte Ernährungsmedizinerin Dr. Anne Fleck. „Ein strenges Fasten sollte mit solider, ärztlicher Begleitung stattfinden. Was aber für jeden und jede machbar und empfehlenswert ist, ist über Nacht eine Nahrungspause von mindestens zwölf Stunden bei Frauen und 13 bei Männern einzuhalten. Wenn unser Körper nicht mit Nahrung umgehen muss und keinen Insulinreiz erhält, wird der Prozess der Autophagie, die zelleigene Müllabfuhr, aktiviert. Deswegen sollte aus dem Frühstück lieber ein Spätstück werden.“ Das wiederum gelingt mir spielend, da ich mich abends meist an Portionen halte, die einen Grizzlybären mitsamt Familie durch den Winterschlaf bringen könnten. Leider sind in meinem Kopf die Begriffe „gesund“ und „freudlos“ fest aneinander gekoppelt, während Genuss für mich stets mit einer gewissen Maßlosigkeit einhergeht und ich es keinesfalls als Grund empfinde, aufzuhören zu essen, nur weil ich satt bin. 

„Gesunde Ernährung klingt unästhetisch“, gibt mir Anne Fleck immerhin recht. „Aber gesundes Essen kann selbstverständlich genussvoll und auch überschwänglich sein und hat auf keinen Fall was mit Kalorienzählen zu tun. Naschen ist kein Tabu und am besten tut man es nicht zwischendurch, sondern gleich nach der Hauptmahlzeit.“ 

Der Körper brauche Pausen, sagt Anne Fleck. Und wenn mich Heißhunger überkommt, soll ich mir kurz Zeit nehmen innezuhalten, meine Gefühle einzuordnen und dann den Faden der Gewöhnung abschneiden und statt zu essen etwas anderes tun. Eine Schublade aufräumen zum Beispiel. 

Anne Fleck besitzt diese undogmatische, sanfte Stimme der Vernunft, mit der sie darum wirbt, sich selbst nicht zu streng zu bewerten und liebevoll und geduldig am eigenen Essverhalten zu arbeiten. Ich tue das mal mehr, mal weniger erfolgreich. Jetzt zum Beispiel scheint der Kühlschrank heiser, geradezu lüstern meinen Namen zu flüstern, um mich an die diversen Käsesorten in seinem Inneren zu erinnern. Gut, dass es in meinem direkten Umfeld eine ganze Menge unaufgeräumter Schubladen gibt. 

Danke, Anne!



BRIGITTE 05/2021

"Unsere Gefühle sind nicht unsere Chefs"

Emotionen beeinflussen unsere Gesundheit. Und umgekehrt. 
Aber wir sind ihnen nicht hilflos ausgeliefert – das müssen wir nur erkennen

Ich habe immer noch die Sehnsucht nach der einen Tablette. In meiner Fantasie sehe ich einen gütigen Arzt seinen Rezeptblock zücken, den mehrsilbigen Namen eines Medikaments darauf notieren. Ich höre den Doktor sagen: „Morgens und abends eine, dann sind Sie bereits in wenigen Tagen beschwerde-frei.“ Und tatsächlich: Eine Woche später bin ich ein neuer Mensch, mache mir nichts mehr aus den handelsüblichen Suchtstoffen, habe ein astreines Immunsystem, eine robuste Psyche, strotze nur so vor Resilienz und Optimismus, schlafe tief, und wenn ich wach bin, bin ich glücklich und zufrieden. 

Die Erfahrung und das Wissen von Experten legt bedauerlicherweise nahe, dass diese Hoffnung unbegründet ist. Der Neurobiologe Prof. Gerald Hüther hat dazu bereits unmissverständlich behauptet: „Niemand kann einen anderen Menschen gesund machen. Jede  Heilung ist daher immer und grundsätzlich Selbstheilung.“ 

Sowohl das neue Buch „Die gestresste Seele“ als auch das Gespräch mit Prof. Dr. med. Gustav Dobos, Direktor der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin in Essen, machen mir einmal mehr klar: Es geht darum, Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen, die viel mit unseren Vorstellungen, Gefühlen, Haltungen zu tun hat. Unsere Seele beeinflusst den Körper. Umgekehrt genauso. „Der Zustand unseres Körpers spielt eine entscheidende Rolle für unsere Emotionen. Den Körper zu harmonisieren heißt, die Psyche zu harmonisieren.“ Und tatsächlich, so sagt Herr Dobos, lassen sich bei 40 bis 50 Prozent der Menschen, die ihren Hausarzt aufsuchen, keine körperlichen Ursachen ihrer Beschwerden finden. 

Es ist allein der Stress, der Körper und Seele schadet, der unser Immunsystem angreift.

Sind wir also alle selber schuld an unseren Krankheiten, egal ob wir einen Schnupfen oder einen Tumor haben? 

„Stress ist keine Frage von Schuld“, sagt Prof. Dobos. „Es geht darum, zu zeigen, wie viel wir selbst tun können, um gesund zu bleiben oder zu werden. Massage, Berührung, Bewegung, Meditation, Fasten, Yoga, Akupunktur, Selbstfürsorge, gesunde Ernährung, soziales Mit-einander – das alles sind Faktoren, die massiven Einfluss auf unsere Gefühle und damit auch auf unsere Gesundheit haben. Wir sind unseren Gefühlen nicht ausgeliefert, Emotionen sind keine Vorgesetzten.“ 

Mein Wunsch: Herrin werden im eigenen Haus. Gefühls-Chefin. Head of Hirn. Direktorin meines Körpers und Oberhaupt meines Kopfes. Dafür gibt es leider keine Tablette und dahin führt kein leichter und auch kein kurzer Weg. 

Wie das eben so ist mit Führungspositionen: Man muss sie sich erarbeiten, man muss sie verteidigen, man muss Macht wollen und vor allem Verantwortung übernehmen. Dann mal los.

BRIGITTE 04/2021

"Danach hatte ich nicht gefragt"

Männer erklären gern die Welt. Warum eigentlich? 
Wissen sie mehr, oder fehlt es ihnen an der rechten Dosis Selbstzweifel?

Ich habe große Selbstzweifel. Und ich habe sie gern. Was soll daran so schlimm sein, mich immer wieder zu fragen, ob ich auf dem rechten Weg bin, ob ich recht habe, oder ob es gar nicht ums Recht-haben geht; ob ich so, wie ich bin, gut bin, und ob ich so bleiben möchte. Der Zweifel gehört zum Selbstbewusstsein wie die Hefe in den Pizzateig. Es gärt, es wächst, es reift. Wer schon alles zu kennen glaubt, lernt nichts Neues mehr. Zweifeln heißt nachfragen, und Selbstzweifel ist die Neugier auf eine andere, bessere, durchdachtere Version des eigenen Ichs. Mich gruselt es vor jenen Selbstzufriedenen, die sich Entwicklungen versperren, alles zu wissen glauben und vor allen Dingen alles besser.

In meiner Wahrnehmung – und die fraglos vielen, auf die diese Beobachtung nicht zutrifft, mögen mir verzeihen – sind das oft Männer. Aufgewachsen mit und geprägt von der Erwartung, männliche Macher sein zu müssen, auf jede Frage eine Antwort zu haben und erst mal zu behaupten, man wisse, wo es langgeht, auch wenn man keine Ahnung hat. 

„Das scheint ein zutreffendes Klischee zu sein. Ich habe die besseren Gespräche mit Frauen“, sagt Gerburg Jahnke. Die Kabarettistin und Regisseurin ist Mitte 60 und genervt von „den Jungs in mei­nem Alter, die mir die Welt erklären, obwohl ich sie nicht darum gebeten habe. Die formulieren hauptsächlich Ich­Sätze, die oft mit einem Ausrufezeichen und selten mit einem Fragezeichen enden. Der Mann bei mir zu Hause neigt auch dazu. Ich nenne das ‚Erklärtourette‘, und es geht mir auf den Wecker. Da werde ich auch zunehmend ungehalten, unterbreche und sage: ‚Danach hatte ich nicht gefragt.‘“ 

Gerburg Jahnke hat nach eigenen Angaben vor vielen Jahren „ganz schlimm Feminismus bekommen“, und ich würde mich nicht wundern, wenn ich mich im Gespräch mit ihr angesteckt hätte. Sie erzählt von ihrem inneren Oberlandes­gericht, das ständig und streng urteilt – über sie selbst und andere, dass sie gerne milder würde, es ihr aber doch sehr schwerfalle bei einem Blick in die Welt, wo an entscheidenden Positionen immer noch zu viele „gestrige Autokraten sitzen. Selbstzweifel, Teamgeist, Risikovermei­dung, Empathie – das sind Führungs­qualitäten! Und die alten Säcke haben keine einzige davon!“

Wie wohl es doch tut, im Bekenntnis zum Zweifel zueinanderzufinden. Wie viel Energie wir (und besonders Ihr :­) ) sparen könnten, würden wir auf Macht­Rituale, Besserwisserei und anstrengendes Posieren verzichten und lieber gleich zur Sache kommen. Besin­nung auf die traditionell weiblichen Eigenschaften. Möglich ist es. 

Der Weg ist jedenfalls beschritten. „Und der Rest ist Zukunft“, sagt Gerburg Jahnke. Womit sie ganz zweifellos recht hat.

BRIGITTE 03/2021

"Keine Ehe vor dem Sex!"

Gibt es überhaupt noch sexuelle Tabus? 
Ist nicht längst alles ausgesprochen – und zwar deutlicher, als uns lieb ist?
Anscheinend nicht

Dafür bin ich zu alt. Sex. Ich mag nicht mehr drüber reden. Bin durch mit dem Thema. Alles ist gesagt, beklagt, diskutiert. Ich bin total aufgeklärt, so wie wir alle, und kann meine Wissbegierde nun endlich voll auf mir bis dato unbekannte Bereiche wie Radwandern, Angeln und Soßenbinden richten. 

Die Sexualtherapeutin Ann-Marlene Henning sieht das anders. Sie sagt: „Wir leben immer noch in einer sehr verklemmten Gesellschaft. Es gibt zwar genügend Informationen, aber sobald wir selbst ein Problem haben, sprechen wir nicht gern darüber. Es gibt noch viele Märchen da draußen.“ 

Das entlockt mir ein nachsichtiges Lächeln. Wurde unsere Sexualität nicht durchleuchtet wie ein verdächtiges Gepäckstück bei der Einreise in die USA? Blieb da tatsächlich noch irgendwas unentdeckt? Ann-Marlene sagt: „Ich bin zum Beispiel empört, dass Frauen immer noch darunter leiden müssen, dass es angeblich ein Jungfernhäutchen gibt. Das ist eine Männerlüge. Im Mutterleib hat der weibliche Embryo diese Schutzhaut. Sie öffnet sich bei der Geburt, und dann bleibt höchstens ein kleiner Rest davon zurück, eine Art Kranz. Das hat zur Folge, dass Mädchen Angst haben, dass der erste Sex wehtut, und Jungs sich umgekehrt fürchten, ihrer Partnerin wehzutun. Das ist immer noch der Start von Sexuaität: Wir rechnen mit Schmerz.“ 

Das ist für mich tatsächlich eine Neuigkeit – und ein Skandal. Wie viel Diskriminierung und Scham wäre Frauen erspart geblieben, wenn man ihnen nicht jahrhundertelang erzählt hätte, dass sie eine Art Frischhaltefolie zwischen den Beinen hätten, die ihre Unversehrtheit beweist und den Zugang zu ihrer Sexualität versperrt wie der dreiköpfige Höllenhund den Eingang zum Totenreich?

Scham ist noch ein weiteres Stichwort, auf das die Expertin allergisch reagiert. Jene falsche Scham, die immer noch hauptsächlich Frauen einredet, sie seien nicht als lustvolle Wesen gedacht, sie seien nicht schön genug für guten Sex, ihre Brüste seien zu klein, der Hintern sei zu dick und, mittlerweile hat der Schönheitswahn auch das weibliche Geschlechtsorgan erreicht, ihre Schamlippen seien  zu groß. In Frauen-Köpfen wimmelt es  von Sätzen, die beginnen mit „Das macht  man nicht ...!“ 

„Ja, das ist immer noch ein Thema“, sagt Ann-Marlene Henning. „Wie besonders der weibliche Körper von Anfang an mit Scham, sogar Ekelgefühlen behaftet wird! Du bist ekelig, du riechst schlecht, du schmeckst schlecht. Wir sagen zum Beispiel ‚Schamlippen‘, aber nicht 

‚Schambeutel‘ zum Hodensack – dabei ist es dasselbe Gewebe. Das ist angelernte Scham. Männer können Frauen nicht kontrollieren, wenn sie lustvoll sind – also hat man sie lustlos gemacht!“

Vielleicht bin ich doch noch nicht zu alt für Aufklärung. Vielleicht bin ich sogar gerade alt genug, um Sexualität wieder zum Thema zu machen. Sex, Lust und das uralte Märchen von der völlig falschen Scham der Frauen.

BRIGITTE 02/2021

"Will ich das?"

Oder soll ich das wollen?
Diese Frage sollte man sich stellen, wenn man mal wieder zögert oder aufschiebt oder mutlos ist.
Oft ist die Antwort erstaunlich eindeutig


Ich habe ein paar Ideen. Das schon. Bloß bleiben die meisten von ihnen unverwirklicht. Sie stecken fest irgendwo auf dem steinigen Weg zwischen Imagination und Wirklichkeit und haben sich ihren drei schlimmsten Feinden ergeben: der Trägheit, den Bedenken und dem Zögern. Manchmal, so wie jetzt zu Jahresbeginn, regen sie sich noch, die alten, gebrechlichen Ideen, versuchen noch mal auf die Beine zu kommen, schnell entmutigt durch die niederschmetternden Sätze: 

„Zu spät, zu alt, zu riskant, vielleicht im nächsten Jahr oder im nächsten Leben.“

„Das Leben ist eine Ansammlung von Selbstversuchen mit ungewissem Aus-gang“, sagt Meike Winnemuth. Und für ihr Leben stimmt das. Mit 60 Jahren hat die Journalistin und Autorin der klugen und inspirierenden Bestseller „Das große Los“ und „Bin im Garten“ wirklich verdammt viele und sehr besondere Selbst-versuche gemacht. Dabei scheut sie das Versagen nicht und nicht den Wider-spruch und weiß genau, wer in der Lage wäre, ihr die größten Steine in den Weg zu legen: „Ich verwirkliche Ideen schnell, bevor ich mich durch zu vieles Grübeln davon abhalten und mir dazwischen quatschen kann. Niemand kann mich stoppen – nur ich selber“, sagt sie. „Ich habe lange Zeit meines Lebens damit zugebracht – das ist eine Sache speziell der weiblichen DNA –, unzufrieden mit mir zu sein. Seit Mitte 40 weiß ich, was ich will und bin auch bereit, von einmal getroffenen Entscheidungen wieder zurückzutreten.“

Hat sie Ratschläge zum Finden von Ideen? Ein paar handfeste Tipps, wie zum Reinigen von Backöfen, mit denen man dem Leben etwas Glanz verleihen kann? Ich hoffe immer noch auf schnelle Lösun-gen, obwohl ich längst weiß, dass es die nicht gibt. Natürlich nicht. Und so ant-wortet weise und milde amüsiert Meike Winnemuth: „Ich habe keine Ratschläge zum Finden. Aber zum Suchen. Man muss sich die Grundfrage stellen: Will ich das oder soll ich das wollen? Ich bin rela-tiv gut darin, meine eigenen Wünsche, die recht oft abweichen von denen, die gesellschaftlich erwünscht sind, zu definieren und denen nachzugehen. Das ist nicht immer leicht. Viele Leute stehen sich selbst im Weg, indem sie vorher ganz genau wissen wollen, wie etwas aus-geht. Aber Ziele sind oft im Weg. Man muss sich erlauben, auszuprobieren und sich von dem Druck befreien, dass das Leben unbedingt in jedem Punkt gelingen muss. Bin ich mutig? Nein, es ist was anderes. Sich trauen heißt, sich selbst vertrauen. Was haben wir nicht schon alles geschafft!? Wir sollten darauf ver-trauen, dass, was immer da noch kommt, auch zu schaffen ist. Warum die Furcht!?“

Suchen. 

Statt finden. Wege wagen.  

Statt kleinlich Ziele definieren. Sich aufmachen, sich ausprobieren, notfalls umdrehen und einen neuen Versuch starten. Mal schauen, was da noch schlummert an Ideen und Sehnsüchten. Warum nicht jetzt?



BRIGITTE 01/2021

„Das Ei nimmt sich, was es will!“

Ich nehme mir die Zeit

...ohne Rezept zu kochen
...meine Spezialität zu entdecken
...Nudeln selber zu machen

Ich koche grundsätzlich ohne Gene. Mir mangelt es an angeborenem Talent zur lässigen und rezeptlosen Zubereitung essbarer oder gar gelungener Malzeiten. Und mir fehlt sowohl der Mut als auch die Abenteuerlust, unerschrocken Zutaten und exotische Gewürze zu kombinieren, deren Namen mir so unbekannt sind wie die Vororte von Damaskus. Um dieses genetische Defizit durch erworbenes Wissen auszugleichen, habe ich die kluge und wunderbare Sterneköchin Léa Linster in meine Küche gebeten, wo sie auf stumpfe Messer, olle Töpfe und einen schönen, aber schwierigen Herd trifft. „Das Leben gehört den mutigen Frauen,“ ruft Frau Linster entschlossen und versorgt mich mit Koch- und Lebensweisheiten, während sie unerschrocken wie die Amazonenkönigin Penthesilea nach dem Kartoffelschäler greift. „Nicht alles ist ein Fehler, was zunächst danach aussieht. Vielleicht erfinden Sie versehentlich etwas Neues. Haben Sie keine Angst! Wenn es nicht das wird, was es werden sollte, dann taufen Sie es einfach um.“

„Und wenn es nicht schmeckt,“ frage ich zimperlich und bewundere ihre Art, Zwiebeln zu schneiden und reichlich Butter in einem eleganten Bogen aus der Hüfte heraus ins Mehl zu werfen. „Zack!“ ruft die Amazone fröhlich. „Was heißt denn schon nicht schmecken? Wenn wir zum ersten Mal einem Marsmännchen begegnen, wissen wir ja auch nicht, ob es hübsch ist oder nicht, solange wir die anderen noch nicht gesehen haben.“

Ich darf ein paar Basilikumblätter abzupfen, während Léa Linster mir sagt, dass Knoblauch und Ingwer sich gut vertragen, ein wenig angerösteter Kurkuma die Farbe unserer Suppe rettet, Eier sich stets soviel Mehl nehmen, wie sie brauchen und Äpfel von außen und Birnen von Innen faulen.

Meine Küche ist nicht wiederzuerkennen. Es scheint, als blühe sie unter den Händen der Haut-Cuisine-Göttin auf. Die Messer scheinen schärfer und der Herd weniger launisch zu sein.

„Sie müssen sich eine Spezialität aneignen,“ rät mir Léa Linster. „Etwas, was nur Sie genauso kochen können und was Ihre Gäste immer wieder essen wollen.“ Hilfesuchend schaue ich nach meinen Kochbüchern. Frau Linster bemerkt meinen Blick und sagt: „Ihre Spezialität muss vom Herzen kommen, und dafür brauchen Sie kein Rezept. Denn wenn es in einem Buch steht, ist es ja schon die Spezialität von jemand anderem.“

Am Ende dieser Lehr-Stunden ist aus meiner Küche eine Sterne-Küche geworden und ich darf ein unvergleichliches, köstliches Menü aus Linsensuppe, Coq au Vin und Apfel-Tarte genießen. Beschwingt verabschiede ich die Meisterin des mutigen Kochens mit der festen Absicht, mir eine Nudelmaschine, eine Tarte-Form und neue Messer zuzulegen. Und mehr Mut. „Wenn nichts alles glatt läuft, ist man gerade mitten in einem Abenteuer,“ sagt Léa Linster zum Abschied. Und schon hab ich wieder was fürs Leben gelernt. Guten Appetit!

 

BRIGITTE 26/2020

Da geht noch was!

Die Versuchung ist groß. Decke über den Kopf, Kekse knabbern und dabei leise maulen, dass die gute, alte Weihnachtszeit auch nicht mehr das ist, was sie mal war. Im Grunde genommen ist ja nichts mehr das, was es mal war. Sehr bedauerlich. Die Kinder werden groß, die Knochen werden alt und jetzt neigt sich auch noch das Jahr dem Ende zu. Es war, weiß Gott, kein gutes Jahr.

Mut und Energie waren Mangelware, der Abstand und die Enge sind zur Normalität geworden, während unser Leben zusammengeschnurrt ist wie eine zu heiß gewaschene Wollsocke. Was geht noch, wenn so gut wie nichts mehr geht?

Als Maria Furtwänglers Vater an Alzheimer erkrankte, gab ihr eine Freundin den Rat, sich nicht auf das zu konzentrieren, was von Tag zu Tag, von Stunde zu verloren ging, sondern auf das, was ihm und ihr blieb. Bis zu seinem Tod hat sie diesen Rat beherzigt und sie versucht bis heute, den Focus in ihrem Leben auf die Möglichkeiten, statt auf die Unmöglichkeiten und die Verluste zu richten.

„Es ist ohne Frage so, dass ein viel stärkeres Bewusstsein ob meiner Endlichkeit eingesetzt hat,“ sagt sie mir. „Ich ertappe mich dabei, dass ich mich am Ende des Sommers frage ‚Wie viele Sommer habe ich noch?‘ Aber vieles wird durch dieses Bewusstsein kostbarer und ich habe mehr denn je das Gefühl, es fängt doch gerade erst so richtig an, Spaß zu machen! Natürlich ist das Leben als knackiges, scharfes Ding vorbei – aber die Energie, die jetzt frei wird, die Möglichkeiten gepaart mit der Erfahrung und den neuen Freiheiten, die wir haben, finde ich sensationell!“

Maria Furtwängler hätte auch sehr schön als Motivationstrainerin arbeiten können, wenn sie nicht schon Ärztin, Schauspielerin, Feministin und seit drei Jahren auch Produzentin wäre. Wir sind seit etlichen Jahren befreundet, eine Beziehung die, wie man sich denken kann, stets bereichernd, aber nur selten von faulem, sich gegenseitig gemütlichem Bemitleiden geprägt ist.

„Ich habe sehr spät eine eigene Firma gegründet, weil ich mir vieles nicht zugetraut und mit Staunen die jungen Männer gesehen habe, die einen Film nicht nur inszeniert, sondern auch gleich produziert haben,“ sagt Maria. „Die Angst, es nicht gut genug zu machen, und mein Perfektionismus haben mich gehemmt. Wie vielen Frauen hat auch mir die Bereitschaft zum Scheitern gefehlt. Aber ich bin sehr viel mutiger geworden.“

Das ist ermutigend. Es tut gut, solche starken Frauenstimmen zu hören, besonders wenn man selbst, wie ich, hin und wieder zu Jammerlappigkeit und Verzagtheit neigt. „Das, was unabänderlich ist, sollten wir mit liebevollem Humor nehmen. Der Körper entwickelt sich hin zu einem Zustand, in dem man ihn nie sehen wollte. Der Hintern hängt und die Beine sehen auch nicht mehr aus, wie mit 20. Aber sie haben mich schon so viele Berge hinaufgetragen und ich empfinde eine große Zärtlichkeit gegenüber meinen Beinen und meiner Endlichkeit, die mich mit den Frauengenerationen vor mir verbindet. Das hat etwas Versöhnliches.“ Bergsteigen also. Warum nicht?